Gold keilt sich ein, Silber kippt zurück: Richtungsentscheidung rückt näher
Der Goldpreis fiel am Dienstag auf 4.465 $, während Silber auf 73,60 $ zurücksetzte, nachdem ein technischer Ausbruchsversuch in der Vorwoche gescheitert war. Besonders der Silberpreis erlebte in den letzten beiden Wochen eine extreme Achterbahnfahrt. Auslöser war offenbar die indische Industrie, die aufgrund einer überraschenden Erhöhung der Importabgaben von 6 % auf 15 % Käufe vorzog und ihre Lagerbestände auffüllte.
Diese Sondernachfrage trieb den Silberpreis in der vergangenen Woche nach einer Rallye von 22 % binnen weniger Tage auf über 89 $. Nachdem die neue Steuer in Kraft getreten war und die Nachfrage sofort abebbte, wurde der komplette Preisanstieg negiert und der technische Ausbruch scheiterte. Der Rückfall auf rund 73 $ erwischte viele Silberbullen auf dem falschen Fuß und spricht dafür, dass es sich eher um ein kurzfristiges Sonderereignis als um nachhaltige Stärke handelte. Auch Platin stieg in derselben Phase kurzzeitig stark auf 2.200 $ an, nur um in dieser Woche wieder unter 1.900 $ zurückzufallen.
Die Achterbahnfahrt am Edelmetallmarkt war unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Märkte zunehmend einen weiteren Zinsanstieg einpreisen. Auslöser dafür waren unter anderem der kräftige Anstieg der US-Verbraucherpreise im April auf 3,8 % zum Vorjahr (0,6% MoM), sowie der weiterhin hohe Rohölpreis von rund 103 US-Dollar. Beides schürt Sorgen vor einem weiter steigenden Preis- und Zinsdruck, was Gold und insbesondere die industriell genutzten Edelmetalle Silber, Platin und Palladium belasten würde.
Die langfristig bullische Investment-These für Gold bleibt intakt, doch haben die makroökonomischen Entwicklungen der jüngsten Zeit ein kurzfristig schwierigeres Umfeld geschaffen. Der US-Dollar legte erneut zu auf 99,3 Punkte zu und nähert sich damit erneut dem Widerstand bei 100 Punkten. Bei einer Straffung der Geldpolitik unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh wäre ein Ausbruch darüber möglich, wobei der folgende Short-Squeeze die Edelmetallpreise zusätzlich belasten würde.
Unterdessen stieg die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihen am Dienstag mit 5,18 % auf den höchsten Stand seit 2007, während die 2-jährigen Anleihen auf 4,12 % sprangen und damit weiterhin deutlich über dem Leitzins der US-Notenbank von 3,75% liegen. Je länger der Krieg im Mittleren Osten anhält, desto mehr belasten der Anstieg der Energiepreise, die importierte Inflation und höhere Zinsen die Wirtschaft und somit auch den Goldpreis über einen stärkeren US-Dollar und deflationäre Tendenzen. Ein glaubwürdiger Weg zu einer Deeskalation oder Frieden würde hingegen die Edelmetallpreise stützen, doch rückt dieses Szenario immer weiter in die Ferne. Setzt sich der Anstieg der Zinsen fort, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Konjunkturaufschwung abgewürgt wird.
Warsh statt QE: Keine einfache Rückkehr zum Gelddrucken
Das Narrativ, die Fed könne mit einem weiteren QE-Programm die Zinsen einfach nach unten drücken und damit die Refinanzierung der US-Staatsschulden erleichtern, greift zu kurz. Anders als nach dem Platzen der Immobilienblase 2007 und der anschließenden Kredit- und Währungskrise von 2008 steht das Bankensystem derzeit nicht akut unter Druck. Gleichzeitig liegt die Inflation bereits auf einem erhöhten Niveau, was eine erneute massive Ausweitung der Zentralbankbilanz politisch und geldpolitisch deutlich erschwert, wenn nicht nahezu unmöglich macht.
Vor diesem Hintergrund erscheint ein neues QE-Programm kaum als gangbarer Weg. Würde die Fed bei bereits erhöhter Inflation erneut im großen Stil Staatsanleihen kaufen, könnte sie zwar kurzfristig Druck von den Renditen nehmen, würde zugleich aber neue Inflationssorgen schüren und letztlich den Zinsdruck wieder erhöhen. Der Versuch, die Zinsen über QE zu senken, könnte sich damit selbst konterkarieren.
Plausibler ist daher der von Kevin Warsh skizzierte Weg, der auf eine Reduzierung der Fed-Bilanz und einen Rückzug aus langlaufenden Staatsanleihen hinausläuft. Dadurch würde das lange Ende der Zinskurve stärker dem Markt überlassen, während gleichzeitig der geldpolitische Spielraum entstünde, am kurzen Ende auf niedrigere Leitzinsen zu wirken, ohne den Eindruck einer erneuten Monetarisierung der Staatsschulden zu erzeugen.
Für Edelmetalle wäre dieses Szenario kurzfristig eher belastend und nicht bullisch, denn ohne QE-Rückenwind würde der US-Dollar stärker und die Bilanzsumme würde womöglich gleichbleiben oder gar leicht schrumpfen, was den Edelmetallen kurzfristig den Rückenwind nehmen würde.
Goldpreis keilt sich ein – Ausbruch womöglich im Juni
Der Goldpreis konnte Anfang des Monats von seinem Tief bei 4.500 $ zweitweise bis auf 4.773 $ ansteigen. Dabei hatte sich eine potenzielle Bullenflagge ausgebildet, die durchaus weiteres Potenzial bis zum nächsten Widerstandsbereich bei rund 4.900 $ bot. Während der Silberpreis aufgrund der neuen indischen Zölle stark anzog, kam der Goldpreis hingegen kaum vom Fleck. Offenbar hatten viele Investoren auf einen weiteren Anstieg und einen bullischen Ausbruch aus der potenziellen Bullen-Flagge gesetzt, wurden letztlich doch enttäuscht.
Als der Silberpreis zu korrigieren begann und sich zeigte, dass es sich um ein isoliertes Ereignis am Silbermarkt handelte und der Goldmarkt nicht mitziehen würde, kam es zu einem erneuten Rücksetzer des Goldpreises. Dieser fiel zurück auf das Ausbruchsniveau bei rund 4.500 $, unterschritt diese Marke und erreichte in dieser Woche im Tief sogar 4.450 $. Das zeugt nicht von Stärke. Der langfristige Aufwärtstrend ist mittlerweile nur noch rund 70 $ entfernt. Dieser Bereich muss halten und ich gehe davon aus, dass er kurzfristig zunächst Bestand haben wird und sich der Preis in den kommenden Wochen weiter zwischen dem mittelfristigen Abwärtstrend seit Jahresbeginn und dem langfristigen Aufwärtstrend, der seit zweieinhalb Jahren intakt ist, einkeilen wird.
Sollte der Aufwärtstrend brechen, wäre eine stärkere Korrektur bis zur nächsten signifikanten Unterstützung wahrscheinlich. Bei einem bullischen Ausbruch über den Abwärtstrend wäre hingegen ein erneuter Anstieg bis auf 5.400 $ möglich. Insgesamt trübt sich das Gesamtbild etwas ein, weshalb man abwarten sollte, für welche Richtung sich der Markt entscheidet. Aktuell dürfte der Goldpreis weiterhin volatil seitwärts handeln, in einer relativ engen Spanne zwischen 4.400 $ auf der Unterseite und rund 5.000 $ auf der Oberseite. Sobald der Ausbruch erfolgt ist, werden wir wahrscheinlich eine dynamische Anschlussbewegung sehen.
Silbermarkt 2026: Das erwartete Defizit könnte sich als Illusion erweisen
Das Silver Institute erwartet für 2026 weiterhin ein strukturelles Defizit am Silbermarkt von 46,3 Millionen Unzen. Grundlage dieser Prognose ist die Annahme, dass die industrielle Nachfrage lediglich moderat um 3 % auf 639,6 Millionen Unzen zurückgehen wird, während die physische Investmentnachfrage nach Münzen und Barren trotz Rezessionssorgen nochmals kräftig um 18 % auf 257,6 Millionen Unzen steigen soll. Damit soll der Markt bereits das sechste Jahr in Folge ein Defizit aufweisen, so das Silver Institute. Immerhin rechnet man bei den ETF-Produkten mit deutlich niedrigeren Zuflüssen von nur noch 30 Mio. Unzen nach 278,1 Mio. Unzen im Vorjahr.
Diese Defizitrechnung wird jedoch häufig kritisch betrachtet, da die Investmentnachfrage nach ETF-Produkten und Münzen und Barren keinen endgültigen Verbrauch darstellt. Dieses Silber verschwindet nicht aus dem Markt, sondern wird lediglich auf Halde gelegt und kann bei fallenden Preisen oder einem bärischen Sentiment jederzeit wieder als Angebot auf den Markt kommen. Für eine realistische Einschätzung des tatsächlichen physischen Verbrauchs sollte man daher die Investmentnachfrage zumindest separat betrachten und nicht mit dem industriellem Verbrauch gleichsetzen.
Insgesamt soll die weltweite Silbernachfrage laut World Silver Survey 2026 lediglich um 2 % auf 1,112 Milliarden Unzen sinken. Gleichzeitig soll die Minenproduktion mit 844,1 Millionen Unzen nahezu stabil bleiben, während das Recyclingangebot aufgrund der hohen Preise um 7 % auf 211,3 Millionen Unzen ansteigen soll. Trotz steigender Recyclingmengen erwartet das Silver Institute damit weiterhin eine strukturelle Unterversorgung des Marktes.
Diese Prognose erscheint jedoch optimistisch und blendet die Risiken einer möglichen Rezession weitgehend aus. Besonders die industrielle Nachfrage aus konjunktursensiblen Bereichen wie Elektronik, Photovoltaik, Automobilindustrie und Löttechnik dürfte in einer Rezession deutlich unter Druck geraten. Ein stärkerer Rückgang der industriellen Nachfrage würde das erwartete Defizit schnell eliminieren.
Auch die Annahmen zur privaten Investmentnachfrage wirken fragwürdig. Das Silver Institute begründet seinen Optimismus mit der außergewöhnlich starken Nachfrage zu Beginn des Jahres 2026, als Produktengpässe, steigende Aufgelder und massive Käufe privater Anleger zeitweise zu Liquiditätsengpässen am physischen Markt führten. Allerdings ist die Investmentnachfrage nach Münzen und Barren keineswegs dauerhaft stabil, sondern schwankt stark mit der Marktstimmung, Liquidität und der Preisentwicklung. Nach zwei bereits sehr starken Jahren dürfte der Retailmarkt in vielen Regionen zunehmend gesättigt sein, während hohe oder sogar weiter steigende Realzinsen die Edelmetalle zusätzlich belasten.
Sollte es tatsächlich zu einer Rezession kommen und gleichzeitig die Geldpolitik restriktiv bleiben, könnten sowohl die industrielle Nachfrage als auch die private Investmentnachfrage gleichzeitig unter Druck geraten. In diesem Fall würde sich das aktuell erwartete Defizit sehr schnell in ein Überangebot verwandeln. Genau dieses kombinierte Szenario aus konjunktureller Schwäche, sinkender Industrieproduktion und nachlassender Investmentnachfrage scheint die aktuelle Prognose des Silver Institute weitgehend auszublenden. Es bleibt daher wichtig, die Entwicklung der Zinsen, der Wirtschaft und des Aktienmarktes, sowie die Reaktion der Geldpolitik darauf genau zu verfolgen.
Goldminenaktien profitieren massiv vom Goldpreisanstieg
Der erste große US-Goldminen-ETF, der VanEck Gold Miners ETF (GDX), feierte im Mai sein 20-jähriges Bestehen. Während Gold bei der Auflage des ETFs im Jahr 2006 noch bei rund 650 $ je Feinunze handelte, notiert der Goldpreis heute bei über 4.500 $. Trotz dieser enormen Rally sind Goldminenaktien im historischen Vergleich noch immer günstig bewertet. Tatsächlich befindet sich der Minensektor derzeit in seiner stärksten Gewinnphase seit dem letzten großen Goldbullenmarkt.
Die großen Produzenten profitieren massiv vom hohen Goldpreis. Die Bewertungen vieler Minenunternehmen bleiben trotz der starken Kursanstiege bisher vergleichsweise niedrig. Laut VanEck liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der größten GDX-Positionen aktuell nur bei rund 20 und damit auf dem niedrigsten Niveau seit mindestens zehn Jahren. Viele Produzenten handeln trotz Rekordgewinnen lediglich zu niedrigen einstelligen oder mittleren KGVs.
Der Hintergrund hierfür liegt in der starken operativen Hebelwirkung des Sektors. Goldminen weisen hohe Fixkosten auf. Steigt der Goldpreis, fließt der Großteil des zusätzlichen Umsatzes direkt in den Gewinn. Während vor wenigen Jahren bei Goldpreisen um 1.800 $ nur Margen von wenigen Hundert Dollar je Unze erzielt wurden, liegen die Cash-Margen heute teilweise bei über 2.500 $ je Unze. Entsprechend stark reagierten zuletzt die Gewinne der Produzenten auf den Goldpreisanstieg.
Historisch tendieren Goldminenaktien dazu, dem Goldpreis in späten Phasen eines Bullenmarktes zunächst deutlich hinterherzulaufen, bevor es zu einer spekulativen Aufholbewegung und Outperformance kommt. Genau dies sehen wir aktuell auch an den klassischen Goldminenindizes HUI und XAU. Beide Indizes konnten sich zwar stark erholen, notieren inflationsbereinigt bzw. im Vergleich zum Goldpreis noch immer deutlich unter ihren Hochs aus den Jahren 2006 bis 2011. Folgender Chart zeigt, dass die Goldminenaktien noch einmal um das Dreifache ansteigen könnten, um zum Goldpreis ein ähnliches Bewertungsniveau zu erreichen wie in 2011.
Goldminenaktien bleiben jedoch zyklische Aktien und sollten sich die Konjunkturaussichten weiter eintrüben, die Realzinsen hoch bleiben oder der Goldpreis stärker korrigieren, dürften auch die Minenaktien erheblich unter Druck geraten. Ein Einbruch am Standardaktienmarkt würde auch die Goldminenaktien kurzfristig mit nach unten reißen. Dies böte dann erneute Kaufchancen bei den Minenaktien, die kurzzeitig überproportional unter die Räder kommen könnten.
Aktuell sehen wir beim HUI-Goldminenindex eine hochspannende charttechnische Situation. Nachdem der Index im Hoch nahezu die Marke von 1.000 Punkten erreicht hatte, kam es zu einer scharfen Korrektur bis auf rund 680 Punkte. In den vergangenen Wochen hat sich der HUI nun zunehmend eingekeilt, sodass sich die Frage stellt, ob sich hier eine übergeordnete Bull-Flag ausbildet, die sich letztlich nach oben auflösen könnte. Nur wenn der Goldpreis aus seiner eingekeilten Situation bullisch ausbrechen kann, werden die Minenaktien auch bullisch folgen.
Bricht der Goldpreis hingegen nach unten aus seiner eingekeilten Formation aus und unterschreitet dabei seinen Aufwärtstrend, würde sich beim HUI eher das Bild einer Bärenflagge ergeben. In diesem Fall wäre eine weitere Korrektur bis in den Bereich um 550 Punkte möglich. Einen solchen Rücksetzer würde ich jedoch als attraktive antizyklische Kaufchance bei den Goldminenaktien sehen und entsprechend nutzen.
Die nächsten Wochen bleiben daher entscheidend. Es wird sich zeigen, ob Gold und Silber ihre mittelfristigen Aufwärtstrends verteidigen können oder ob es zu einem finalen Abverkauf kommt. Im letztgenannten Fall dürfte sich bei den Goldminenaktien nochmals eine sehr interessante antizyklische Einstiegschance ergeben.